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Home X. Die Trettachspitze an der Mädelegabel Erstes Nachtlager in Einödsbach; die Bacher Zwing Der Einödsbergrücken und Spätengundkopf
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 II. Aus den Algäuer Alpen [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 X. Die Trettachspitze an der Mädelegabel

Zweiter Anmarsch: mit Baptist Schraudolph, der seine vierte Trettachspitzersteigung vollführt [1869]

Wenige Tage später aber – es war der 28. Juli [1869], – lachte wieder die Sonne, meine Begierde, mit der Trettachspitze anzubinden, liess nicht länger mehr zügeln, in knapp 4 Stunden hatte ich die ganze Thalstrecke von Sonthofen bis Einödsbach zurückgelegt. Bei Birgsau begegnete ich einem Wagen mit fröhlicher Jagdgesellschaft, Bekannte aus Sonthofen; ein paar erlegte Gemsen strecken die scharfen Krickeln unter der Wagendecke hervor. "Morgen wird der Hals gebrochen!" rief ich übermütig ihnen nach. Um 8 Uhr war ich am Bestimmungsorte, wo ich Baptist Schraudolph wieder antraf. Die Vorbereitungen zur morgigen Ersteigung waren bald getroffen, das Abendbrod verzehrt und unter günstigeren Auspicien, als das erstmal, suchte ich mein Nachtlager auf.

Um 3 Uhr Morgens weckte Baptist; es war noch tief dunkel, die Sterne funkelten über den schwarzen Hörnern der Mädelegabel. Noch stärkten wir uns an einer Milchsuppe und packten dann die Bergsäcke auf; Baptist fügte dem sonstigen Steig-Apparate noch ein tüchtiges Heuseil hinzu, zum Gebrauche an den gefährlichen Stellen. Ich liess ihn gewähren, immerhin fest entschlossen, unter keinen Umständen dieses Hülftsmittels mich zu bedienen, das an steiler Wand nie einen anderen, als einen moralischen Halt gewähren könnte. Fällt Einer, so ist's an dem Einen gerade genug.

Mit herzlichem Abschiedsgrusse an Schraudolph's Weib, veliess ich das gastliche Dach; "Gebt wohl Obacht!" rief sie beim Scheiden uns nach, und es klang wohl etwas wie ängstliche Besorgniss durch ihre Worte. Mit starken Schritten wanderten wir den schmalen Pfad am Thalgehänge entlang, unter uns der dumpf brausende Einödsbach. Etwa 10 Minuten vom Hause entfernt bogen wir um eine vortretende Bergecke und begannen links gewendet den Aufstieg. Die Geröllschütte, welche den einspringenden Winkel des Bergfusses ausfüllt, und welche nach der Höhe rasch zu einer schmäleren Rinne sich zusammenzieht, wurde überquert und ein engerer Zickzackpfad, im Dunkel der Tannen oft kaum wahrnehmbar, leitete uns zur ersten Terrassenhöhe. Hier lichtet sich der Wald, auf leicht geneigtem Grasboden zeigten sich ein paar niedrige Heustadel. Schraudolph öffnete die Thüre des einen, in welchem zwei Heuarbeiter noch der nächtlichen Ruhe pflegten. Sein Weckruf "Ich gehe mit einem Herrn auf den Giiskopf" wurde nicht ohne Verwunderung, jedoch mit dem dem Algäuer eigenthümlichen Phlegma aufgenommen. Wir stiegen weiter.


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Letzte Aktualisierung am 29. August 2018

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