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 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 I. Aus den Berchtesgadener Alpen
 IV. Der Hochkönig auf dem Ewigen Schnee

Die Kapelle auf dem Hochkönig

Auf dem breiten Scheitelplateau, welches einer Gesellschaft von 30-40 Personen bequemen Raum gewährten könnte, legte ich mein Gepäck neben dem Häuschen nieder und trat in dieses ein. Eine Capelle sollte nach Absicht der Bergleute von Mitterberg auf dem erhabensten Gipfel der Salzburger Kalkalpen errichtet werden, doch zeigte das Gebäude, wie es im Spätsommer 1868 fertig dastand, weder in seiner äusseren Erscheinung, noch in seiner inneren Einrichtung irgend Etwas, das dieser seiner ursprünglichen Bestimmung entspräche. Das Bauwerk selbst bildet ein solid gemauertes Rechteck, etwa doppelt so lang als breit, von einem stark geneigten Schindeldache überdeckt; das Innere stellt ein eben solches Rechteck dar, eben breit und kaum lang genug, dass ein einzelner Mann ausgestreckt auf dem Boden liegen könnte. Es würde daher die sogenannte Capelle zwar für einen einzelnen Bergwanderer, nicht aber für eine, wenn auch noch so kleine Gesellschaft die Rolle einer Schutzhütte übernehmen können. Sie besitzt kein Fenster, ihre Thüre öffnet sich auf deren Schmalseite gegen Süden; eine Nische im Mauerwerk, worin vielleicht seither ein Heiligenbild Platz gefunden hat, bildete zur Zeit meines Besuches die gesammte Meublirung. Als Fremdenbuch figurierte die Thüre, doch musste ich Mangels eigenen, vor zwei Tagen auf dem Achselhorn [Mittelhorn] verloren gegangenen Schreibmaterials auf die Verewigung meines Namens verzichten.

Mein Aufenthalt im unwirthlichen Raume war daher nur von kürzester Dauer, ich trat wieder hinaus in's Freie, wo dichter und trüber die Nebel heraufrauchten und binnen Kurzem das ganze Aussichtsbild umzogen. Einem uferlosen Meere gleich dehnte gegen Norden die Schneefläche in ihre Schleier sich hinaus. Wie bereute ich nun, zwei kostbare Morgenstunden verschlafen zu haben, wie bereute ich jede Rast, die ich unterwegs, der Ermüdung nachgebend, gehalten hatte; dann hätte ich noch ein Viertelstündchen freien Ausblickes erhaschen können, während jetzt, wo die Wolkenbildung der Mittagsstunden begonnen hatte, und die Nebel bereits fest an den Wänden zu kleben anfingen, wenig Hoffnung vorhanden war, ihren Vorhang noch einmal gelüftet zu sehen.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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