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Home II. Die Schönfeldspitze auf dem Steinernen Meere Von der Salletalpe über den Schwarzensee, Grünseekaser und das "Feld" zum Funtensee Weg über das Steinerne Meer nach der Buchauerscharte
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 I. Aus den Berchtesgadener Alpen
 II. Die Schönfeldspitze auf dem Steinernen Meere

Alpenwirthschaftliche Zustände

In dämmernder Tiefe liegt vor dem Wanderer der Funtensee*); ein breiter, Kranz von Alpenmatten umsäumt sein seichtes Gewässer, nur der Grünseetauren steckt einige Felsschrofen bis an sein Ufer vor, aus ihrem Innern schallt dumpfes Rauschen, zweifellos ein unterirdischer Abfluss des Sees, vielleicht zum Grünsee, vielleicht wohl auch geradenwegs zum Königssee hinunter. Der Volksglaube aber hält's für eine Werkstätte des Höllenfürsten, der sich dort Gold auspräge zum Seelenkauf. Zahllos wie der Sand am Meere möchte man die Alphütten nennen, die den Funtensee umlagern; wohl sind ihrer nicht mehr als acht, aber im Verhältniss zur nahrungbietenden Fläche muss eben diese Zahl als eine übertrieben grosse, für Denjenigen, der Alpenwirthschaft anderwärts kennen gelernt hat, geradezu unglaubliche bezeichnet werden; niedlich sieht das Gewimmel sich an, blickt man von der Höhe des "Felds", oder vom Haupte des Viehkogl herunter auf den Funtensee, ein trauriges Bild aber ist es dem Kenner wirthschaftlicher Zustände eines Alpenvolkes. Faktische Unzulänglichkeit des von der Natur und von den socialen Besitzverhältnissen gebotenen Nährkapitales – träges Unbenütztlassen des wenigen Gebotenen reichen sich hier brüderlich die Hand. Blicke man herab von irgend welchem Berggipfel in's Ländchen Berchtesgaden, vom Felserahmen des Hochgebirges ohnedies enge genug umgrenzt, ein wolliges Kleid tiefgrüner Farbe deckt alles pflanzennährende Gebiet, schmaleckige Stückchen lichten Wiesengrüns sind daraus geschnitten, und wo ein solches Stückchen nur sich blicken lässt, drängen sich der Häuschen ein viertel oder halbes Dutzen aufeinander; fast vor dem Hofthore wieder zieht der Staat seine Forstgrenze. –

Andererseits der Funtensee: Auf diesem Alpengrunde könnte das Vieh einer ganzen Gemeinde gesömmert werden und dieser Gemeinde ein jährliches Einkommen abwerfen, das schwer wiegen würde in der Bilanz ihres Haushaltes. Statt dessen nisten acht Einzelwirthschaften um den Funtensee herum; die Produkte der Alpwirthschaft, soweit sie überhaupt als solche in Betracht kommen – denn die Käserei ist dort kaum als wirkliche Produktion anzusehen – werden auf der Alpe selbst verzehrt, von ihren Inwohnern oder ihrer Freundschaft, die an gelegentlichen Besuchen es nicht mangeln lässt. Für Verwendung des schweren Geldes, das für eine Schüssel Milch oder ein Pfännchen Schmarrn dem Touristen abgenommen wird, ist ebenfalls bestens gesorgt durch eine Branntweinhütte, deren Enzianausrottungsgeschäft wohl die grösste Rentabilität der landwirthschaftlichen Thätigkeit am Funtensee aufweisen mag. Hier wäre ein Feld für die Thätigkeit landwirthschaftlicher Vereine – so mag gesagt werden; ich denke aber, aus dem Pinzgauer einen Algäuer herauszumodeln, und dass Pinzgauerische Stupidität und pinzgauerisches Elend auch auf ferne Jahrhunderte hinaus das Wahrzeichen des Berchtesgadener Ländchens bleiben wird.

*) 4922' 1599 m. Keil [1601 m]; vom Grünseekaser aus wird das Feld in 3/4 St. erstiegen, von dort erreicht man in 20 Minuten den Funtensee.


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Letzte Aktualisierung am 29. August 2018

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