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Home XVIII. Die Falken in der Riss XVIII. Die Falken in der Riss Das Neuner-Wirthshaus in Hinter-Riss [1870]
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 IV. Aus dem Quellen-Gebiete der Isar [Karwendel] [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 XVIII. Die Falken in der Riss

Der Herrscher der Riss – vor Jahren und heute

Bei Sturm und Regen betrat ich am 26. Juni 1870 die Höhe des Plumser Joch's [Plumsjoch]. Im Innthale, im Hallthale, im vorderen Theile des Vomperloch's war ich zu Ende mit meinen Hochtouren; nun sollte das Quellengebiet der Isar, sollte das Gebirge der hinteren Riss an die Reihe kommen, die Riss selbst aber meine definitive Grenze gegen Norden bilden. Nicht zum ersten Male sah ich die stolzen Felsengipfel im Inneren des Karwendel. Vor manchen Jahren schon hatte eine vergnügte Herbstferienreise mich in die Thäler der Riss geführt, durch das Johannesthal über die Hochalpe hinunter um Karwendelbache, nach Scharnitz hinaus – und weiter, rasch nach Partenkirchen, die Zugspitze anzuschauen, und weiter an den Eibsee, nach Lermos, – weiter, weiter ....... Wie staunend hatte ich damals emporgeblickt zu den starren Felsenwänden und ihren Gipfelzinnen, wie übergewaltig mutheten sie mich an und mochten doch nicht mich herausfordern, den räthselhaften Zauber mir in der Nähe zu betrachten. "Dazu braucht man die sicheren Führer, – wer weiss, ob überhaupt man dort hinaufkommt, – auf viele sicherlich nicht!" – Was ich von Bergen je gehört, das betete ich gläubig nach. Wenn freilich da und dort ein Berggehänge schräg geebnet, mit leichtem Grün überflogen sich zeigte, da mochte ich mich wohl fragen, ob dort dem Fusse keine Bahn sich biete, ob Grasboden auf den Bergeshöhen ein anderer seit als an den Seiten des Thales. Aber "oben sieht Alles ganz anders aus " – so hatte ich ja oft genug vernommen. Nein, das ist Nichts für unser Einen. – Und Passweg und Strasse zog ich genügsam dahin.

Wie lebhaft entsinne ich mich noch des Nachmittages, da nach regnerischem Morgen die Sonne durch die Wolken brach und unsern Abmarsch von Hinterriss beleuchtete! – Da der Coloss im Osten des Johannesthales aus dem qualmenden Nebel sich hervorkämpfte, und der innerste Grund des Thalkessels von Ladiz den Mauerwall seiner phantastisch gestalteten Zinnen vor unseren staunenden Blicken entfaltete; als wir, die Hochalpe nicht mehr erreichend, ein einsames Nachtquartier bezogen auf dem verlassenen Niederläger, im Angesichte der tausendfach zerspaltenen Felsennadeln der Kaltwasserspitze, mit Staunen wahrnehmend, dass in ihren Schattengrüften, kaum höher als unser eigener Standpunkt, Lawinenreste, – kleine Gletscher, meinten wir damals – lagerten! Wer damals prophezeit hätte, dass ich dereinst auf jenen schroffen Zinnen stehen, von ihnen niederblicken würde in die Thäler und weit hinaus in's heimathliche Land, im Glanze himmelblauer Tage wie in Sturm und Wettergraus von Grat zu Grat, von Spitze zu Spitze klettern würde und dort oben mich erinnern an verwichene Zeit!

Wer dem stolzen Beherrscher der Riss, de Jahr für Jahr der Touristen frohe Schaaren an seinem Fusse vorüberziehen sieht, selbstbewusst ihre ehrfurchtsvolle Bewunderung entgegennehmend, – wer dem ungebändigten Falken es gesagt hätte: "Sieh dort hinab, auf jene kleine Truppe, die plaudernd den Saumweg dahin wandert über dem tobenden Bache; dort spaziert er durch's Gebirge, ein harmloser Student, der nach Jahren Deiner Gemsen Pfade ausspähen, den Eisenfuss dir setzen wird in den jungfräulichen Scheitel."


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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