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Home XXIII. Schneesturm auf der Kaltwasserspitze Jagdsteig nach dem Heidenkopfe Beginn der Gratwanderung. Eintönigkeit des Weges
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 IV. Aus dem Quellen-Gebiete der Isar [Karwendel] [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 XXIII. Schneesturm auf der Kaltwasserspitze

Einblick ins Birkkar

2 Stunden nach Verlassen der Kastenalpe, um 7 Uhr Morgens, betrat ich den Scheitel des Heidenkopfes, ein breites, hügeliges Plateau, das gegen Norden sanft gehoben in den Zweigkamm der Kaltwasserspitze übergeht. Von letzterem ist noch nichts, als der schwach begrünte, dreiecksförmige Abfall der nächsten Terrassenstufe zu sehen, der Gipfel selbst ist weit, weit abgerückt und gedeckt durch den Körper seines Ausläufers. Eine ausgedehnte, schräge Grasfläche senkt gegen Westen sich hinunter in's Birkkar, um hoch über seiner Sohle mit Steilwänden abzubrechen. Dort hinunter jagen zwei aufgescheuchte Gemsen, fliehend vor dem einsamen Bergsteiger, den sie vom Jäger nicht zu unterscheiden wissen; ob sie einen Gang durch die Wand in's Birkkar hinein kennen? – ob sie inmitten der Bergflanke sichere Schlupfwinkel aufsuchen? – ich weiss es nicht.

Aber wohl bekannt sind mir die Berge, die auf der Scheitelhöhe des Heidenkopfes den westlichen Gesichtskreis mir erfüllen. Dort stehen die Birkköpfe*), die runden, schroffen Gipfel im langen Zweigkamme, der dem Oedkarspitze angehört, in seine silbergrauen, von schwarzen Querbändern gezeichneten Schuttgehänge unmerklich verfliesst. Sanft dachen diese Felder von der dreifach geschwundenen Wellenlinie des Gipfelscheitels ab, des zweithöchsten im Quellen-Gebiete der Isar; und vor ihn drängt sich der höchste, der Birkkarspitz, eine schwarze, in hohen Mauerabsätzen aufgekrümmte Pyramide. Wie anders war es da drüben, als ich vor mehr denn Monatsfrist diese Gratscheitel überwanderte, im heitersten Sonnenglanze, – vom Donaustrande bis zu den Eisgefilden der Centralalpen kein Hinderniss dem Blick im unermesslichen Raume!

*) Auf den Karten wird nur ein "Birkkopf" im Zweigkamme des Oedkarspitzes angegeben. Da dieser Kamm mehrere, unter sich wenig verschiedene Aufgipfelungen besitzt, so glaube ich diesen Namen am richtigsten in der Mehrzahl zu verwenden.

Jetzt hängen graue Wolkenballen trübe herein in die Felsenwüsten, schleichen um den Fuss der Gipfelhäupter und hüllen sie ab und zu in ihre düsteren Schleier. Vom Wetterstein herüber ziehen sie schaarenweise in's Quellenthal der Isar ein und füllen es mählig an mit ihren feuchten, übereinandergeschichteten Dunstbänken. – Es wäre wohl das Beste, wieder umzukehren, es ist kein Bergwetter heute! Aber man entschliesst sich gar zu ungerne dazu und am allerschwersten an dem Punkte, wo eben die Wanderung Interesse zu gewinnen verspricht. Und es hat ja schon mancher nebelgraue Tag, aller erfahrenen Voraussicht spottend, in heiteren Himmel sich aufgelöst, – wer wagt, gewinnt! . . . . . zuweilen wenigstens.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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