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Home XIX. Der Grosse Karwendelspitz [Östliche Karwendelspitze] Im Wank. Verschiedene Möglichkeiten der Ersteigung In's Vogelkar herab und auf den Vogelkarspitz
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 IV. Aus dem Quellen-Gebiete der Isar [Karwendel] [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 XIX. Der Grosse Karwendelspitz [Östliche Karwendelspitze]

Scharte im Grat und Gipfel

Mit wenigen Schritten über rauhes Geschröf war ich auf dem Scheitel; ich blickte die lange Zeile rissigen, aber durchweg gut gangbaren Felsens zurück gegen Süden und überzeugte mich, dass ein Weg von dort herauf weit leichter und kürzer gewesen wäre, als meine Umgehung nach der Westseite. Ich sah gen Osten hinunter in die flache Mulde, vom Haupt- und Zweiggrat im Bogen umspannt, – auch von hier wäre dem Bergsteiger ein Weg auf den Karwendelspitz gebahnt, denn der Steilabfall dieser Mulde in die Hochregion des Grubenkars erweist sich gleichfalls an mehreren Stellen als gangbar. Die brüchigen Zacken des Grates verfolgte ich gen Nord und gewann nach Kurzem den verdächtigen Zahn; 10' [3 m] tief unter mir lag der Boden der Scharte und auf dem rauhen, zerborstenen Gefelse erwies sich eine Umgehung nach beiden Seiten als ausführbar; ich wählte die Westseite, wo eine ausgeprägte und gut zu fassende Stufe im Steilabsturze den Abschwung erleichterte. Der Gipfel, in weissen Plattenlagen vor mir aufsteigend, war nun binnen fünf Minuten gewonnen; auch an ihm vermittelten zahlreiche Ritze und Abstufungen eine weit grössere Leichtigkeit der Ersteigung, als seinem glattplattigen Aussehen nach zu hoffen gewesen war. 2 Stunden nach Aufbruch von der Hochalpe, 5 Stunden nach Verlassen von Hinterriss, um 11 Uhr 45 Min. sass ich auf dem gestreckten, schneidigen Gipfel (7755' 2519 m. Gr.-K.). Auffallend genug trägt derselbe weder ein Signal, noch ist überhaupt eine Spur davon zu erblicken, dass je einmal ein solches dort bestanden habe. Schwierige Ersteigbarkeit bildet für den Karwendelspitz sicherlich keinen Entschuldigungsgrund solcher Vernachlässigung.

Nordwärts blickte ich über gewaltige, fast senkrechte Steilwände hinunter in's Ronnthal. Ich bemerkte, dass der Zweigkamm, der dieses vom Thorthale scheidet, nicht genau unter dem Karwendelspitze aus der Masse des Hauptkammes sich ablöst, sondern etwas weiter östlich. Ein auffälliger, viereckig abgehackter Zacken über dem Grubenkar*) ist als seine wahre Wurzel auf dem Hauptgrate zu betrachten. Sein erster Verlauf, nahe den Wänden des letzteren, ist in die unförmlichsten Klötze und Klippen zerspalten, in ihm tritt auch die fingerförmig gebogene Felssäule auf, deren früher bereits Erwähnung geschah.

*) Siehe das beigegebene Gebirgsprofil.

Obwohl nicht mehr in früher Morgenstunde, war die Aussicht bei theilweise bewölktem Himmel doch völlig ungetrübt geblieben. Nur in ihrer nördlichen Hälfte besitzt dieselbe eine beträchtliche Ausdehnung und erstreckt sich über das Riss- und Walchensee'r Gebirge hinweg weit über die Ebenen Ober-Bayerns. Im Süden dagegen ist die beschränkt durch den nahestehenden, mächtigen Wall der Hinterauthaler Berge, doch nicht gering ist das Interesse, welches diese riesigen Gipfelmassen und Kare dem Beschauer darbieten, welches sie mir zumal gewährten, der ich in den nächsten Tagen ihr Gebiet zu betreten gesonnen war. Die Formation geschlossener Steilwände, wie der östliche Theil der Hinterauthaler Kette, seine Fortsetzung in der Rossloch- und Vomperkette so auffällig sie zeig, weicht vom Birkkarspitze ab der Bildung weitgedehnter, flacher Geröllkare, plattiger Hügelmulden zwischen den Zweiggraten der Gipfel, während die Tiefzone, auf der Sohle des Karwendelthales fussend, meist unzertheilte, schroffe Abstürze zeigt, und manches der Nordkare der Hinterauthaler Kette auf directem Wege gar nicht zu ersteigen gestattet. Schlauchenkar, Grosses Marxenkar, Seekar*), Bockkarl**), Riedlkar, Larchetkar, lagen vor mir aufgeschlossen. Ich bemerkte zu meinem Erstaunen, dass in der Nordseite der Hinterauthaler Kette fast jede Scharte ersteigbar, die Wege nach ihren Gipfel oder von diesen zurück zur Tiefe daher auch für das Karwendelthal gebahnt seien. Zunächst hatte ich den gewaltigen Stock der Oedkarspitz-Gruppe mir gegenüber und einen tiefen Einblick in das gewundene Schlauchenkar, aus dessen weisser Firndecke der Birkkarspitz seine dunkle, schrofige Gipfelpyramide erhebt. Ich ersah alsbald die Möglichkeit, über jene Schneefelder bis auf den Gratsattel und längs des Grates ostwärts auf den Birkkarspitz – westwärts auf den Oedkarspitz zu gelangen; die Hochalpe als Nachtquartier gewährte mir für diese Tour einen höchst erwünschten, in der Karwendel-Gruppe selten vergönnten Höhen-Vorsprung. Günstige Witterung vorausgesetzt, plante ich diese interessante Hochtour auf die Culminationspunkte des Isar-Quellengebietes für den folgenden Tag. Für den heutigen blieben noch einige werthvolle Stunden zu nützen.

*) Westlich des Grossen Marxenkars; der vom Seekarspitz hergeleitete Name wurde von mir vermuthungswiese auf diesen Kessel bezogen, auf welchen er mir am besten zu passen scheint.
**) Ein anderes Bockkarl befindet sich im Rossloch am Ostfusse des Sonnenjochs.


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Letzte Aktualisierung am 29. August 2018

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