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Home XIX. Der Grosse Karwendelspitz [Östliche Karwendelspitze] Von Hinter-Riss auf die Hoch-Alpe; Anstieg des Karwendel-Spitzes [1870] Scharte im Grat und Gipfel
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 IV. Aus dem Quellen-Gebiete der Isar [Karwendel] [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 XIX. Der Grosse Karwendelspitz [Östliche Karwendelspitze]

Im Wank. Verschiedene Möglichkeiten der Ersteigung

Ich hätte nun ohne Beschwer in geradem Anstiege den Scheitel des vom Karwendelspitze sich ablösenden Grates gewinnen und auf ihm meinen Weg fortsetzen können. Eine Wahrnehmung jedoch, die ich von früher erstiegenen Punkten und namentlich vom Falken aus gemacht hatte, liess mich auf eine andere Angriffslinie sinnen. Dieser Grat weist nämlich, in unmittelbarer Nähe des Gipfels, eine Scharte, von überhängendem Felszahne beherrscht, auf welch' letzteren das Verfolgen des Gratscheitels nothwendigerweise mich hinausführen musste; es stand sohin für die letzten Momente der Ersteigung noch ein sperrendes Hinderniss zu besorgen. Durch einen westwärts, in die Schuttfelder des Wank, hineingreifenden Bogen hoffte ich das Zackengebilde zu umgehen und unmittelbar auf dne Gipfel oder doch in die Scharte vor demselben zu gelangen. Ich blieb deshalb bei der bisherigen Schräge-Richtung.

Mehrere, den Ausblick theilweise deckenden Terrainwellen wurden überschritten, nach einiger Zeit befand ich mich dem abbrechenden Rande des Vogelkars ziemlich nahe und blickte auf seine weissen Schuttfeldern hinunter und hinauf zu den wild zerborstenen Mauern ihrer Umsperrung durch den Hauptgrat. Die Flanken des Karwendelspitzes zeigte nach dieser Seite sich völlig ebenflächig, wiewohl von starker Neigung; eine Strecke weit hatte ich noch gut gangbaren Grasboden, allmählig aber gewann das Gerölle die Oberhand und der langwierige, ermüdende Marsch über die haltlosen Schuttfelder nahm seinen Anfang. Ich gewahrte bald, dass die Steigung des Zweiggrates von mir bedeutend unterschätzt worden war, und sein Scheitel jetzt, obgleich ich in meinem Quergange niemals aufgehört hatte, an Höhe zu gewinnen, bedeutend weiter von mir entfernt lag als vorher, bei Verlassen der Felsabsätze. Erst sah ich überhaupt noch Nichts vor mir, als die Abgrenzung des Schuttgehänges durch unbedeutende Unterbrechung seiner geradlinigen Abdachung, später erschien über den weissen Geröllflächen, als düster gefärbte, niedrige Mauerkrone der Gipfelgrat, noch immer durch eine beträchtliche Höhendifferenz von mir getrennt. Der tiefe Schuttboden wandelte sich nun allmählig in eine Aufeinanderfolge rundlicher, plattiger, mit Gries bedeckter Stufen, ihre Häufung erwies nach der linken Seite sich steiler und glatter und hinderte eine genügende Ausbiegung nach jener Richtung, um mit Bequemlichkeit den Zacken und die Gratscharte zu umgehen. Und anstatt einen Umweg in dieser Richtung mit Schwierigkeit zu forciren, dachte ich vernünftiger Weise doch auf dem Grate erst nachzusehen, ob das Hinderniss in Wahrheit so bedeutend und unüberwindlich sei.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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