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 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 V. Aus dem Wetterstein-Gebirge [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 XXVII. Die Höllenthalspitzen

Rundschau; die Zugspitze; ihr Grat zwischen zwei Gletschern

Da nahm ich nun meinen Sitz auf der Felsenklippe, die ich zur Warte mir auserkoren, schob einige Blöcke zurecht und breitete die wollene Jacke darüber hin, richtete mir's überhaupt so behaglich wie möglich sein. Der Punkt, auf dem ich ruhte, war es wohl werth. Ein Aussichtsbild entfaltet sich da, so gewaltig gross und erhaben, wie keines vielleicht im ganzen Bereiche der Nördlichen Kalkalpen; aber neidisch entzieht es sich den Blicken des Alltagstouristen – wer dieses Bild geniessen will, dess' Eisen muss sich erprobt haben – er muss seinen Rang behaupten in den Reihen der Besten. Ich will nicht sprechen von der weiten Fernsicht, die auf der Innneren Höllenthalspitze sich entfaltet, und von welcher bei durchsichtig klaren Firmamente auch die zartesten Objekte mir sichtbar wurden; nicht von der blinkenden Gletscherkette im Süden von den Tauren bis zum Bernina, – nicht vom Vorgebirge und Flachland im Norden, an dessen Saum Schwarzwald und Jura ihre flachen Höhen aufkrümmen. Das Wetterstein-Gebirge selbst, von dem ich scheide, entfaltet vor meinem Auge noch einmal seine ganze Pracht; das westliche Hemiorama, welches seine eigene Masse dem isolirten Wartthurme der Inneren Höllenthalspitze bietet, ist es, welches diese Aussicht so hoch, fast über jeden Vergleich erhebt. Da liegen im Süden, am Saume des Platts, die stahlblanken Plattenmassive der Gatterlköpfe, und hoch überherrscht sie der Kegel des Gatterlspitzes; zahnig, düster setzt der Gratscheitel des Wetterschrofen sich fort – an ihn reihen sich im Südwesten die niedrigen Kuppen und Zinnen des Wetterwandeck und seiner Nachfolger und mächtig überbaut sie die edel geformte Woge des Schneefernerkopfes – ihr Firngehänge, von schwarzem Fels durchwirkt, sieht sich an wie ein Mantel von Hermelin.

Dann der Westen – da richtet der Blick sich empor – bewundert – und staunt. Der Grat, auf den der Gipfel seinen Fuss stellt, verschwimmend tief unter seinem erhabenen Scheitel, strebt alsbald wieder empor und vereinigt auf seinem Firste die Felsenmassen von hüben und drüben zum Riesengebäude einer Alpenwelt. Lichtes, streifiges Plattengehänge deckt von Süden her seine Flanke und ragt in hell beleuchteten Vorsprüngen hinaus in beschattetes Dunkel. Dort gen Norden stürzen die Wände des Zugspitz-Grates hinunter in's eisige Grab des Höllenthalferners; und über all' der Finsterniss und Todeswüste herrscht sie selbst im Sonnenglanze, die Königin der bayerisch-tirolischen Alpen, auf ihrer Zinne funkelt golden das Kreuz. Hinauf – hinunter schweift das Auge an den Kanten ihres Mauergerüstes und haftet gebannt immer von Neuem wieder an ihrer Grösse. Und diese Felsenschranke scheidet zwei Thäler von Eis, beide der Innern Höllenthalspitze als Fussteppiche angehörend. Zur Linken das Platt, der Plattacher Ferner; seine weiten flachen Becken und Wellen, von krummen Parallellinien tausendfach durchfurcht, einem frisch gepflügten Acker gleich – ein Feld, bestimmt, Leben zu decken, nicht zu erzeugen. Wie ein grosses, grosses Leichentuch breitet er sich über die Welt, die ich dort unten weiss, in die ich mit den nächsten Stunden zurückkehren muss. Dort seh' ich wieder grün und fühle warm, – aber den eisigen Gletscherhauch trag' ich mit mir herunter, und wohler ist mir gewesen auf schwindelnder Klippe im Firnenmeer.

Dort, rechts in der Tiefe, ein anderer Eisstrom, der Höllenthalferner. Der versteht es besser, dort ist Leben, ein Leben freilich der Vernichtung. Der regt sich und sperrt sich gegen seine Schranken und verwüstet was seinen breiten Armen erreichbar ist, und kann er's nicht verwüsten und zertrümmern, so bricht und spaltet er in wilder Wuth den eigenen Leib. Der Gletscherbruch am vortretenden Eckpfeiler der Riffelwandspitzen bietet auf kleinstem Raume all' die Wunder der Eisgebilde einer Firnenwelt, die viele Meilen weit entfernt im Süden liegt. Längs- und Querspalten kreuzen sich hier in wildester Verwirrung, halb eingebrochene Schneebrücken spannen sich zwischen den überhängenden Randkanten und mächtige Gebisse von Eiszähnen hängen hinunter in die schwarzblauen Rachen. Ich hatte in der Folge Gelegenheit, einen Blick in die Eiswüsten der Oetzthaler Gebirge zu thun. Was ich dort sah, war gross – doch neu nicht mehr, seitdem ich den Höllenthalferner gesehen.


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Letzte Aktualisierung am 29. August 2018

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