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 Über Namen des Karwendelgebietes

Naturbenennungen

Im Karwendel kehren gewisse kennzeichnende Ausdrücke für Naturerscheinungen mit einer Häufigkeit wieder, die uns das Gebiet als Glied der einheitlichen Tiroler "Namenlandschaft" empfinden läßt. Nur für den Begriff "Lawine" hat der Westrand des Gebirges eine von der sonstigen Sprachform "Lahn" abweichende, Oberinntaler Form, "Lehn", die ja auch im Lechtal und im Außerfern zu Hause ist11) – der alte Name für die Reitherspitze ist "Lehnspitz". Auch das Wort Laine, loan, für "Wildbach" – ebenfalls aus labina entstanden – ist nur hier heimisch (außerdem am Alpenrand). Von der ältesten Bevölkerungsschicht hat die Mundart der Wort "Pleise" für hochgelegene steile Grasplätze übernommen (Pleisenspitz; engadinisch blesje). Das Wort Gufel für Felshöhle ist wahrscheinlich ebenso alten Ursprungs (rom. cubulu "Höhle").

Die Deutschen haben aus ihrem Sprachschatz den Begriff "Reise" zur Bezeichnung der Geröllhalden beigesteuert – das Wort hat weder mit "reißen" noch mit dem Wort "Reise" (ma. roas') unserer Schriftsprache etwas zu tun, sondern kommt von einem Zeitwort "reisen", das in der Mundart noch lebt und "rieseln, gleiten" bedeutet (Reisende Lahn, Soierngruppe). Im übrigen sprechen die deutschen Naturbenennungen in einer recht sinnfälligen Bildhaftigkeit zu uns. Schon der Begriff "Kar" für die Hochmulden des Gebirges ist ursprünglich ein Vergleich, mit einem Hausgerät, einer weiten Schüssel; der eigentliche Sinn des Wortes ist in vielen Gegenden noch lebendig12). Im Karwendel hat man kleinere, lange mit Schnee erfüllte Kare recht bezeichnend "Schneepfanne" genannt, eine besonders tiefe Hohlform als "Kumpfkar" hervorgehoben, also mit dem "Kumpf", dem Wetzsteinbehälter, verglichen.

Die gleiche Anschauungsweise wie die des Turisten drückt der Name Kemacher aus, mit "Kemach" (= Kamin, altdeutsch kemî) werden steile Rinnen öfter bezeichnet, während besonders enge Spalten als Kluppen erscheinen (zu "klieben" = spalten). Für die Vielfalt der Felsformen gibt es einen unerschöpflichen Bilderschatz: Katzenkopf, Roßkopf, Predigtstuhl, Bachofen (= Backofen) sind ganz geläufige Beispiele daraus. Einen weiter hergeholten Vergleich stellt vielleicht der Name Gschnier (Lafatsch) für einen scharf umgrenzten Ausbiß von waagrechten Felsbändern zwischen steilen Wald- und Grasboden dar; es könnte da an das Bänderwerk des "G'schnürs", des verschnürten Mieders bei der weiblichen Tracht, gedacht worden sein!

Das grobkörnige Gefüge des Felsgesteins hat dem "Rauhen Knöll" den Namen verschafft, da der Berg aus stark zerknitterten Rauhwacken besteht; er heißt eigentlich "s'rauche Knearl" – von "Knorren", "Knoarn" = knorriger Fels. Unter den Wassernamen ist dem Karwendel besonders eigentümlich, daß die Wasserfälle, im trockenen Kalkgebirge nicht als breites Band, sondern als Strahl herabschießend, oft als Spritz (die Spritz) bezeichnet werden (Spritzkarspitz), es gibt auch Fälle, wo man dafür noch drastischere, für unser Empfinden allzu derbe Vergleiche gebraucht13). . .; angesichts solch realistischer Betrachtung des Gebirges durch den Älpler erinnern wir uns eben daran, daß schon Jahrhunderte, bevor wir mit unserem idealen Blick den Alpen gegenübertraten, wetterharte Menschen in den Bergen gelebt und gearbeitet haben und aus ihrem unverfeinerten aber natürlichen Denken und Empfinden heraus den Bergen Namen gaben – ohne etwas von dem mächtigen Gefühl zu empfinden, das zu uns aus Namen wie Birkkarspitze, Praxmarerkarspitze spricht. Gehen wir dem Ursprung solcher nach Älplerbrauch meist von nutzbaren Gebieten hergenommener Namen nach, so finden wir uns nicht selten ernüchtert. Darum ist im Vorstehenden nicht immer gerade von den turistisch bekanntesten Namen gesprochen worden, sondern mehr von jenen, die auf Jahrhunderte, ja Jahrtausende zurückgehen und die Weihe des Alters empfangen haben. Auch sie können so ein hohes Gefühl wecken: das der Ehrfurcht, wie die altersgrauen ewigen Berge selbst!

11) Der Maler Lenbach stammt aus dem Lechtal, sein Familienname wurde früher Lehnbach geschrieben.
12) "Zeitschrift" 1934, S. 15
13) Dem italienischen "Pissacavaca" (Trient) und franz. Pissevache (Dauphiné) entsprechend im Vomper Loch "Kühsoach"-Wasserfall.


Die geschichtlichen Angaben sind zumeist dem großen Werk von O. Stolz, Historisch-politische Landesbeschreibung Tirols, Archiv für öst. Geschichte, Bd. 107, und seiner "Geschichtskunde des Karwendelgebietes", "Zeitschrift" 1935 und 1936, entnommen. Zur Ergänzung des Vorstehenden sei auf K. Finsterwalder, "Was Karwendelnamen erzählen", Mitteilungen des D. u. Ö. Alpenvereins 1934, S. 31, verwiesen.

Abkürzungen: Ldb. = Landesbeschreibung s.o.; ma. = nach mundartlicher Ausprache angeführt; rom. = romanisch; urk. = urkundlich; ahd. = althochdeutsch.


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Letzte Aktualisierung am 21. April 2017

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