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Home IX. Eine Nacht auf dem Hochvogel Ein fernes Gewitter. Morgengrau; Sonnenaufgang; Kampf des Lichtes mit den Nebeln Wahl der Rückzugslinie; ein neuer Plan
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 II. Aus den Algäuer Alpen [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 IX. Eine Nacht auf dem Hochvogel

Aussicht; die Hornbacher Berge

Die Hornbacher Kette, deren Gipfel ich so oft schon über den Grenzgrat des Algäu hatte herüberwinken sehen, ohne noch recht zu wissen, wohin ich diese eigenthümlichen Formen stellen sollte, stand mir jetzt gerade gegenüber, nur durch das enge Hornbachthal getrennt, vom Fusse bis zu ihren Häuptern dem forschenden Auge enthüllt. Weite, kesselförmige Kare lagern über waldreichen, mauerdurchstrichenen Bergflanken und aus ihnen steigen die Gipfel auf, starr und kahl, zackengekrönte Wände. In ihrer Mitte dominirt ein steilaufstrebendes Trapez, der Urbeleskarspitz; eine Kegelpyramide weiter im Westen, der Ilfenspitz, rivalisirt mit ihm an Höhe; beide überragen den Hochvogel.

Nahe am Ilfenspitz vereinigt der Hornbacher Kamm sich mit dem wasserscheidenden Zuge der Algäuer Alpen; dort drängen die Krotenköpfe sich aufeinander, dass sattelverbundene Paar Oefnerspitze-Krotenspitze, und über ihm der mächtige Zuckerhut, der Grosse Krotenkopf mit seinem schmalen, steilen Firnfelde, das nordwärts herabschiesst und doch hinter dem Gebirgsgrate, durch welchen Ilfen- und Oefnerspitze zusammenhängen, verschwindet. An die Krotenköpfe schliesst sich der grüne Wellenrücken Kreuzeck-Rauheck, über ihm thront die dreizackige Krone der Mädelegabel, keck vorspringend die Trettachspitze wie ein drohend erhobener Finger. Aus dem grünen Gewirre der Bergrücken, welche die Zuflüsse der Trettach, den Sperrbach, Trauchbach, Dietersbach und Oybach von einander scheiden, sticht scharfkantig die röthliche Säule des Höfats heraus. Im Westen erscheinen über dem welligen Steinfelde des Wilden die einförmigen Gebirgszüge des Bregenzer Waldes, die mauergegürtete Gruppe der Gottesackerwände und obenauf das schiefe Dach des Hohen Ifen. Noch ferner, an den Grenzen des Gesichtskreises, der schneeglänzendes Säntis und die dunklere Zackenkuppe des Altmann. Im Nordwesten der breite Daumenstock, im Norden Rauhhorn und Gaishorn, im Nordosten die Birkenthaler Berge mit ihrem Haupte, dem Lailach. Vor diesen augenfälligsten Gipfeln ist der Raum erfüllt mit wenig ausgeprägten, theils kahlen, theiles krummholzbewachsenen Rücken und Kuppen; nebelverschwommene Striche des flachen Landes verlieren sich in die Ferne.

Im Osten starren, zu einem unförmlichen Klumpen geballt, die Rosskarspitzen zwischen Schwarzwasser- und Hornbachthal; ihre Scheitel liegen nahe an 1000' [300 m] unter dem Gipfel des Hochvogel. Ueber ihnen und zu ihren beiden Seiten streben die Lechthaler Berge auf, hohe Kämme, grüne Alpenkare, dunkelschrofige Gipfel. Die Grenze der Sichtbarkeit bilden das Wettersteingebirge und die hohen Kalkmassive am Pass Fern [Fernpaß]; einzelne, durch die Lücke des Leutschthales sich zeigende, noch fernerstehende Zacken, gehören dem Quellengebiete der Isar [Karwendelgebirge] an. Die nächste Umgebung des Hochvogel endlich – sie besteht aus Fels, aus Schutt und Firn. Dreikantig baut seine Pyramide sich zusammen und trennt mit steilfallenden Zackenrippen die Kare, in welche sie den Fuss ihrer Wände setzt. Am bedeutendsten ist ihr Absturz gegen Nordosten; hier breitet unter den Steilmauern, die fast vom Gipfelgrate weg bis auf die Sohle ohne bedeutendere Unterbrechung in einer Flucht hinbsetzen, das Fuchskar seine Schuttfelder aus, welchem als besondere, abgetrennte Ausbuchtung auch der Kalte Winkel angehört; ein Theil des weissen Firnmantels is auch von der Scheitelhöhe des Hochvogels wieder sichtbar.

Die ostwärts sich absenkende Pyramidenkante, die zerrissenste von allen, setzt den Gebirgsgrat des Hochvogel nach den Rosskarspitzen hin fort; sie bildet am östlichen Fusse des ersteren einen breiten, flachen Geröllsattel, den Uebergangspunkt aus dem Fuchskar in's Kühkar auf der Hornbacher Seite*), und daher sowohl aus dem Schwarzwasser- als auch aus dem Berggündlesthale [Bärgündele-Tal] nach Hinterhornbach.

*) Die Verbindungslinie des Fuchskars mit diesem Sattel führt etwas enge und steil unter einem Absenker des Ostgrat des Hochvogel hindurch; eine Umgehung ist der nahe herandrängenden Abstürze zum Schwarzwasserthale wegen nicht wohl thunlich. Wer vom Hornbachthale herüber kommt, hüte sich, an der Norddseite des Gebirges zu tief zu gehen. Das Hinderniss ist jedoch nur von geringer Bedeutung.

Die westliche Breitseite des Hochvogel fällt anfangs schräg, zu unterst aber in gewaltigen Steilwänden in's Weitthal; die südwestliche Kante, welche die zweite der beiden ausgesprochenen Bergschulter, der "Flügel" des Hochvogel, enthält, tritt erst unterhalb des Gipfels aus dem Felsmassive heraus; im Allgemeinen zeigt sich gegen Süden der Abfall des Hochvogel ziemlich gemässigt und ist auf weite Strecken abwärts zu überblicken. In der Tiefe, und augenscheinlich nicht in direktem Zusammenhange mit jenen dem Blicken geöffneten, gangbaren Plätzen, lagern die Trümmerhalden des Rosskars; noch tiefer hinab bekleiden Buschwerk und Grasflächen die Gebirgsflanke, auf vorspringemde Endpunkte eines niedrigen Bergwulstes, welcher das Rosskar vom östlicher gelegenen Kühkar trennt, zeigen sich die Hütten der Eckalpe.

Und noch eine gewaltige Stufe tiefer erreicht das Auge den Thalgrund; da liegenüber die saftig-grünen Matten des Hornbachthales und seiner nächsten Hügelanschwellungen hin zerstreut die Häuschen und Alphütten von Hinter-Hornbach; da windet der Hornbach sich vernehmlich rauschend durch sein schmal eingemauertes Bett, da leuchtet ein azurfarbener kleiner See am Zusammenflusse des jungen, aus dem Peteralpenthale hervorkommenden Hornbaches mit seinem stärksten Zuflusse, dem Jochbache, der von den Wilden und vom Hochvogel die Schneegewässer sammelte.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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