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Home IX. Eine Nacht auf dem Hochvogel Das Nachtquartier Ein fernes Gewitter. Morgengrau; Sonnenaufgang; Kampf des Lichtes mit den Nebeln
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 II. Aus den Algäuer Alpen [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 IX. Eine Nacht auf dem Hochvogel

Sturmconcert, Mond- und Wolkenbilder

Die Ermüdung des verflossenen Tages liess mich anfänglich in einen Halbschlummer fallen, ohne dass mir jedoch zu irgend einer Zeit das Bewusstsein meines Aufenthaltsortes völlig geschwunden wäre; bald war es auch mit dem halben Schlafe vorüber, die Lagerstätte war zu ungewohnt und die Kühle der Nacht zu empfindlich. Ich lag nun meist mit offenen Augen in meinem Felsengrabe, betrachtete die aneinandergereihten, vom untergehenden Monde grell beleuchteten Wolkenballen, die greifbar nahe über mich hinwegflogen, den Sternenhimmel, den ihre Lücken sichtbar werden liessen, und an welchem ich in der Ortsveränderung der Gestirne das allzu langsame Vorrücken der Nacht ermass.

Der Sturmwind, immer mächtiger sich erhebend, heute und pfiff dazu gar wunderliche Melodien, bald durch die Felsenklüfte streichend klingt seine Stimme wie Aeolsharfen in die Leere, bald donnert er in wildem Prall gegen die Wände, als gälte es den Berg in seinen Grundfesten zu erschüttern. Dann wieder Stille, – und leises Flüstern zittert durch den weiten Raum; der Mond bricht durch die Wolken, umflorte Nebelgestalten schweben durch Sternengefunkel dahin, durch's Schwarzwasserthal zum Lech hinaus, dem flachen Lande zu, – dort in der Heimat mögen sie erzählen, wen auf dem Hochvogel sie gesehen. Aus ihrem schimmernden Reigen taucht im Silberglanz ein Zauberbild hervor von lockender Gewalt – ich kenne es wohl, der Lailach ist's, mit seinen zackigen Wänden – aber dahin gestreckt liegt an seiner Stelle nun im Wolkenbette unter dem schwarzblauen Himmelsgezelt eine Feenerscheinung mit lang herabwallendem Schleier. Sie winkt mich hinüber in ihren blendenden Lichtkreis, weg über das Schattenmeer, dessen Abgrund vor meinen Füssen gähnt. Da erwachen wieder die finstern Mächte, aus den unsichtbaren Tiefen brechen ihre Wirbel hervor, näher und näher rückt der brausende Schwall; das Zauberbild verlischt in der Nacht. Vorbei, Vorbei! heults durch den Sturm – und da rasen sie wieder heran an die Mauern und fahren pfeifend durch ihre Klüfte, dass die gewaltige Pyramide in ihren Fugen ächzt. Reisst doch den Hochvogel selbst in den Grund, wenn ihr könnt! Fegt mich weg von der Zinne, die ich mit Aug' und Eisen mir gewonnen, wir ihr die Lichtgestalt des nächtlichen Zaubers zerstört! – Da ist die Grenze eurer Macht. – – –

Wohl hab' ich noch oft in spätern Tagen der Nacht auf dem Hochvogel mich erinnert. – –


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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