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Home XI. Das Hohe Licht Kammverkettung Unterbrochener Versuch einer abendlichen Ersteigung; ein Hochgewitter in den Bergen
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 II. Aus den Algäuer Alpen [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 XI. Das Hohe Licht

Im Bibersbach; von der Linkersalpe auf den Biberskopf, durch den Bibersbach zur Tiroler Hochalpe [1869]

Nahe einer kleinen, einzelnstehenden Alphütte in ungefähr der halben Höhe dieser Thalschlucht kreuzte ich am gewitterschwülen Nachmittage des 5. August 1869 die Sohle und den rauschenden Bibersbach, um auf enge gewundenem Pfade, die Wände der Ellebogner Spitze zur Rechten, alsbald zur Tiroler Hochalpe wieder emporzusteigen. Vom Biberskopf kam ich herüber, den ich nach siebenstündigem Marsche gewonnen, von der Linkersalpe über die Rappenalpe nach der oberen Bibersalpe, deren Gräben mich gräulich in die Irre geführt, dann über den Grat am Rappenköpfle auf die Südseite des Gebirges, um die Felsrippen des Biberskopfes herum, die, eine abschreckender als die andere, mir entgegenstarrten, bis ich die äusserste, gerade gegen Süden ausstrahlende, fasste und in verzweifeltem Aufklettern das Haupt des Riesen auch glücklich erreichte*); wo ich dann hinausblickte auf den Bodensee und die dunklen Bergzüge des Schwarzwaldes, tief hinein in die schneegefleckten Kare der Lechalpenthäler, von schwarzen Mauerzacken umrandet, auf die funkelnden Gletscherkämme der Oetzthaler und Ortlergruppe, des Unterengadin und der Bernina.

*) Der Biberskopf wird wohl am besten von der Westseite, vom Rauhgern-Rücken aus, vielleicht auch von der Nordseite, direkt von der Bibersalpe her, erstiegen werden.

Nach kurzer Rast und Erfrischung an der kleinen Alphütte "Am Berg" südlich des Biberskopfes, war ich dann hinabgestiegen in die Thalschlucht, über welche die Hochalpe und die weisse Pyramide des Hohen Licht mir herüberwinkte; wieder hatten im Wirrsale der Gräben die Eisen meinen Weg an den schlüpfrigen, lettigen [lehmigen] Lahnen, an den unsicheren Gras- und Moospolstern der Felsabstürze hin mir bahnen müssen, und nun endlich stand ich am Ufer des thalwärts eilenden Baches, um jenseits die gleiche Höhe, von welcher ich mühsam herabgekommen, wieder zu erobern.

Der Pfad war rasch gefunden; in tausend kleinen Serpentinen, vielfach getheilt und wieder vereinigt, klomm er hinan, bis das letzte Krummholz am spärlich begrünten Boden schwand; auf abhängiger Wiesenterrasse zog er alsdann quer durch, dem Inneren des Thals und seiner Kare zu; die von ihrer Südwestseite sich darstellende, völlig regelmässige und blendend schuttweisse Pyramide des Hohen Licht bot nun einen besonders grossartigen Anblick und nicht minder gewaltig schaute der Biberskopf, den ich vor wenig Stunden erst verlassen, über die Tiefe des Thales zu mir herüber. Um die Felsecke eines niedrigen, vom Verbindungsgrate zwischen Hohen Licht und Ellebognerspitze ausstrahlenden Zweigkammes bog ich, den absteigenden Pfad verfolgend, in's Kar der Hochalpe ein; eine ausgedehnte, sanftgehobene, stark hügelige Weidefläche, im Hintergrunde geschlossen von gelblettigen Steilhängen, in welche scharfgezeichnete Gräben sich einschneiden, welche zu einem fast geradlinig gegen Süden gezogenen Grate emporsteigen. Jenseits dieser Wasserscheide liegen die Felshügel und Firnflecke im innersten Winkel des ausgedehnten Gebietes des Trettachferners, dort nimmt der Schachenbach seinen Ursprung, um seine anfangs enge Thalfurche zur Rossgumpenalpe hinunter zu verfolgen; der Uebergang über diesen Grat wäre wohl nur vermittelst Gebrauch der Eisen, nicht ohne Schwierigkeit, ausführbar. Vom westlichen offenen Rande des Kessels der Hochalpe stürzen senkrechte Wände in die unzugängliche Kluft hinab, welche die Gewässer des Bibersbaches zu Thal führt; von Norden setzt das Hohe Licht seinen Fuss herein, in steilfallenden, noch ziemlich reich begrünten Terrassenstufen. Auf einem etwas hervorragenden Hügel inmitten des Thalbodens steht einzeln die grosse Hütte der Tiroler Hochalpe (ca. 6000' 1950 m.)


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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