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Home III. Die Göllkette Nächtliche Wanderung in's Alpelthal [1868] Aussicht vom Hohen Göll
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 I. Aus den Berchtesgadener Alpen
 III. Die Göllkette

Ein Steinernes Meer im Kleinen

In den krummholzreichen, flachen Mulden der oberen Thalterrassen fand mein rasches Vorwärtsdringen unwillkommene Hindernisse an dem zähen Gestrüppe, welches Thalung wie Bergrücken gleichmässig mit seinen lästigen Ranken überzieht; ich suchte den dichtesten Partieen des Krummholzes durch einen nördlich, bis nahe an den Randgrat des Thierecker Berges gezogenen Bogen auszuweichen, doch nur mit theiweisem Erfolge. Mehrere, zum Theil ziemlich schroffe Querdämme stellten sich mir in den Weg; verflachte sich der Boden, so deckte er sich wieder mit undurchdringlichem Gefilze. Auch das reine Kettengebirge des Göll hat sein Stückchen beschränktes, aber ausgeprägtes "Steinernes Meer"; und es schloss diese unerfreuliche Periode meiner Bergwanderung auch nicht eher, als bis ich die Höhengrenze der Legföhre überhaupt überschritten hatte. Es folgen allmählig die kärglich berasten Steinhügel, welche die äusserste Vegetationszone auf dem Hochplateau des Karrenfeldes bezeichnen; ein breitgerundeter Längenrücken leitete zwischen ihnen hindurch meinen Weg einem nahen, anscheinend scharf abgegrenzten Bergscheitel entgegen.

Obwol von einer eigentlich kulminirenden Höhe hier nicht die Rede sein konnte, fand ich mich nach Ersteigung dieser letzten Strecke dennoch an eine merkwürdige Grenzlinie gestellt: vor mir eine mässige Senkung des Terrains, dann weithin neuerliche, sehr mässige Hebung desselben seiner ganzen Breite nach; jeglicher Busch- und Graswuchs wie abgeschnitten; Plattenhügel über Plattenhügel geschoben, tausendfach zerspalten und zerklüftet; ich war in's oberste Alpelthal, in's Steinerne Meer des Göllgebirges getreten. Die Zacken des Thiereckberggrates [Dürreckberg], welche bisher meine Weglinie, zuletzt nur als niedrige Wellenhebungen linkerseits begleitet hatten, sind verschwunden; allmählig senkt das Platau der Steinwellen seinen nördlichen Saum dem Endsthale zu, Steilwände von mehr als 1000' [ca. 300 m] Höhe stürzten von seinem Rande hinunter; in seinem Hintergrunde, den Rahmen des engbegrenzten Bildes gegen Osten schliessend, thront das breite Haupt des Göll. Zu meiner Rechten steigen vom Rande der Plattenwellen die Mauern des Hochbrett (7216' 2344 m. Keil) [Hohes Brett, 2340 m], und des Brettriedel (7225' 2347 m. Keil) [2344 m] auf; zwei gewaltige, abgerundete Felsthürme treten aus ihrer Masse ins Hügelplateau vor, mit dem Namen des Grossen und Kleinen Umgangs belegt; im östlichen Hintergrunde schliesst der Brettkamm an den Körper des Göll sich an, heben sich die letzten Plattenmulden und Schutthügel zum breiten Verbindungssattel beider empor; dies die vorgezeichnete Bahn.

Den äussersten Zielpunkt in's Auge fassend, steuerte ich möglichst geradlinie in die todte Felswüste hinein, hatte dabei anfänglich auf ziemlich lange Strecke von der letztgewonnenen Kammhöhe herabzusteigen, dann längere Zeit hindurch fast ebene Bahn, welche jedoch, aus einer endlosen Reihe von Hügelchen und zwischen ihnen eingedrückten Gruben bestehend, zur Erholung beizutragen keineswegs geeignet war. Kein Schritt konnte ohne sorgfältige Auswahl seines Platzes gethan werden, wollte ich eine unangenehme Berührung mit den messerscharfen Felsenkanten, oder eine Klemmung in einer der zahllosen Runsen vermeiden. In trägem Zuge sah ich die breiten Kegel des Grossen und Kleinen Umgangs hinter mir verschwinden, mein Gegenüber jenseits des Endsthales wechseln, vom Schwarzort zum Göllstein [Kehlstein], von diesem zu den Zacken der Salzwand mit dem Rauchfang*), und endlich den massigen Mauerkörper des Hohen Göll an ihre Stelle treten. Auch zu meiner Rechten hatte die Scenerie sich allmählig etwas geändert; die etwas zurücktretende Kette des Brettriedel lässt hinter dem Kleinen Umgang eine weite und tiefe Einbuchtung frei, in welcher Schutt- und Schneekare zum Gratscheitel sich emporziehen; ihre tiefste Sohle verschmilzt zu einer zusammenhängenden, hügeligen Terrasse, ein paar hundert Fuss über der breiten Fläche der Plattenwellen gelegen. Abgerundete, von geräumigen Zinken durchbrochene Felsdämme grenzen diese höhere Etage gegen das Steinmeer an ihrem Fusse ab.

*) Durch diesen Kamin wurde vordem der Göll nicht selten von Nordwesten her, über den Göllstein [Kehlstein] erstiegen. Vor 6-8 Jahren jedoch wurden an der engsten Stelle desselben Sprengungen vorgenommen, welchen diesen, auch von Wildschützen häufig benutzten Zugang abschneiden sollten. Derselbe ist jetzt bedeutend erschwert, doch einem guten Bergsteiger keineswegs unpassirbar. Gleicherweise verhält es sich mit dem Aufstieg durch den sogenannten Pflug, aus dem Hintergrunde des Endsthales in Südostrichtung zu den "Göllsanden" empor; auch hier wurde durch Sprengungen der Anstieg etwas erschwert, aber keineswegs unmöglich gemacht.

Ich vermuthete nicht ohne Grund dort oben etwas bequemeren Weg als bisher, schwenkte daher rechts ab und stieg längs einer ausgenagten Wasserrunse zum oberen Terrassenboden auf; sein in der That besser gangbarer Boden liess mich die gerade Marschrichtung gegen Osten wieder aufnehmen und ohne Hindernisse weiter verfolgen. Ich näherte mich endlich fühlbar dem Abschlusse des Hochthales, noch einige Schutt- und Schneefelder am Fusse des Gamsarchen hin waren zu übersteigen, und auf dem Verbindungssattel des letzteren mit der Göllkuppe austretend, sah ich zu meinen Füssen das sonnige Salzachthal sich ausbreiten – die grünen Berge des Salzkammergutes mit dem keck aus ihnen hervorspringenden Schafberg, – im fernen Osten die bleichen Zacken der Dachsteingruppe. Ich erwartete mit einiger Bestimmtheit Gesellschaft auf dem Gipfel des Göll; Freund V., der einen Tag früher als ich, von Berchtesgaden ausgezogen war, das Königsseegebirge zu überwandern, gedachte den zweiten Tag seiner Tour zur Ersteigung des Göll von der Königsbergalpe aus zu benutzen. Verschläft er nicht, seiner guten Gewohnheit zufolge, so müssen wir ziemlich zu gleicher Zeit dort anlangen. Voraus ist er mir nicht; ich hätte sonst längst ihn hören und sehen müssen. So mag er einigermassen erstaunen, bei Ankunft die Spitze schon besetzt zu finden. –


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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