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Home VII. Das Haagen-Gebirge Auf das Tannthal – ein Plateau im Plateau Täuschung bezüglich der Lage des Gipfels
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 I. Aus den Berchtesgadener Alpen
 VII. Das Haagen-Gebirge

Ein Gemsenpark

Wir gingen leise, fast stumm, die Bergstöcke möglichst sparsam gebrauchend; man hätte uns selber für Wildschützen halten mögen. Auf allen Hügeln, auf allen Graten wurde es lebendig; die flüchtigen Gazellen der Alpenwelt kamen aus ihren Schlupfwinkeln hervor, bald standen sie, spähend nach dem unerwarteten Besuche, bald jagten sie windschnell über die Felsen dahin. Mehr als einen feisten, schwarzen Einsiedler beguckte der Jäger mit dem Fernglase und bemerkte mit leiser Stimme: "Das wär' ein guter Bock!"

In der Höhe des Kars wurde der Boden im Allgemeinen immer flacher, seine Zerspaltung und Durchlöcherung in kleinen Detail immer schärfer, verworrener. Riesige Plattentafeln dehnen sich dort in die Breite, mit ihren gezahnten, unterwaschenen Rändern über einander greifend, hier zu tiefem Rundkessel einsinkend, dort eine schwarze Spalte zwischen sich lassend. Mit aufmerksamer Spähe bestimmten wir unseren Weg voraus, wo die Kessel zu umgehen, die Schründe am besten zu übersetzen sein möchten; und doch sahen wir uns mitunter vor einem unerwarteten Hindernisse; auf hartem Felsen gehend fanden wir auf dem Tannthal alle Einzelheiten einer Gletscherwanderung.

Und welch ein Revier für die Gemsen! Mitten im meilenweiten Plateau des Haagengebirges steht dieser Stock, selbst ein stundenlanges Hochplateau auf seinem Scheitel tragend, abgeschlossen, isolirt nach allen Seiten. Dort oben findet das Alpenwild Alles, wonach sein Herz begehrt; flache, sonnige Weiden und Tummelplätze, grasreiche Böschungen, der Mittagssonne zugewendet, welche hier die Schneedecke rasch zu schmelzen, den nährenden Boden blosszulegen vermag, während ringsum Alles unter Eis erstarrt; luftige Grate und Bergkuppen, verborgene, windgeschützte Grüfte, in den Plattenspalten und Höhlen im heissesten Sommer noch ein Restchen erfrischenden Schnees; Deckung vor dem Sonnenbrand im kühlen Schatten überhängender Mauern, Wärmung bei kaltem Wetter an den Gehängen strahlenspiegelnder Felstafeln. Was ihre Genossen in anderen Alpenrevieren auf stundenweiten Wegen, hohe Gebirgskämme tagtäglich übersteigend, sich aufsuchen müssen, das finden die glücklichen Gemsen des Tannthalstockes auf einem Raume von wenigen hundert Schritten beisammen.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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