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 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 Einleitung

Frühere Versuche, durch Beschreibung etwas Licht über sie zu verbreiten; meine jetzigen Anschauungen und Ziele

Ein reiches Material von Erfahrungen in den uns nächstgelegenen und in vielen Beziehungen am wenigsten gekannten Alpen hat dadurch sich in mir angesammelt. Der Wunsch, auch Andere dieser Erfahrungen theilhaftig werden zu lassen, war von Anfang an in mir rege gewesen – und es war nicht Wunsch, dass die alpine Welt verwundert höre, was ich gethan, was mir geglückt – ich wünschte zu bewirken, dass Andere das Gleiche leisten und erreichen könnten. Wie ich gesehen, verstanden, geübt, wie ich in Kurzem ungeahnte Erfolge erzielt hatte, so konnte das ein Jeder, der von der Natur die Fähigkeiten eines Alpenwanderers erhalten – und derer sind nicht allzu Wenige. Und leichter konnten es jene als ich; die wichtigsten Vorfragen, die bei einer neuen Bergtour zu erledigen sind, die Wahl des Ausgangspunktes, der Anstiegsseite, eine minutiöse Beschreibung aller Momente, die für die Pfadfindung von Bedeutung sein konnten – ein Wegweiser im vollen Sinne des Wortes war geboten Dem, der die Wege gehen wollte*). – Dass jene Wegweiser keinen Anklang fanden in der alpinen Welt, bewies mir, dass ich allein stehe in einer Art des Alpenbesuches, die Jahr für Jahr die genaue Kenntniss einer fest umgrenzten Gruppe mir eingetragen hatte; dass, soweit menschliche Voraussicht reicht, die Kenntniss unserer Nördlichen Kalkalpen, ihrer grossen, führerlosen Gebiete namentlich, von der Zukunft der Alpenvereine und ihrer Thätigkeit nur wenig zu hoffen habe; dass von den gewohnten Zielen nur schwer sich werde ablenken lassen. Fehlt doch zum Aufsuchen neuer das wesentliche Erforderniss, – der Führer, dem sie bereits bekannt seien. –

*) Ich berufe mich in dieser Beziehung auf mein zu Berchtesgaden deponirtes Manuscript: Wegweiser in den Voralpen; Gruppe zwischen Salzach und Saalach; meine von der Section Algäu des Deutschen Alpen-Vereins in Autographie herausgegebene Arbeit "Wegweiser in den Voralpen; Gruppe zwischen Bregenzer Ache und Lech (Algäu)"; – mein an die Sectionen des Deutschen Alpen-Vereins im Frühjahr 1871 gerichtetes Circular, betreffend die Subscription auf einen Wegweiser durch die Karwendel-Gruppe, dessen Drucklegung infolge der äusserst geringen Anzahl von Subscribenten unterblieb.

Wenn ich nach solchen Erfahrungen bei einem neuerlichen Versuche, etwas Licht über die Nördlichen Kalkalpen zu werfen, in die Fussstapfen meiner Vorgänger in alpiner Literatur trete, – wenn ich einzelne meiner eigenen Bergfahrten in jenen unbekannten Gebieten zur Beschreibung bringe, so möchte ich dabei den ursprünglichen Zweck, welchen ich in meinen Gipfelersteigungen verfolgte, gleichwohl nicht völlig ausser Augen lassen. Eine vollständige Beschreibung aller meiner Touren wird, nachdem der Gesichtspunkt eines Wegweisers aufgegeben werden musste, von mir nicht mehr verlangt werden; sie würde Bände füllen und den geduldigsten Leser ermüden. – Doch habe ich versucht, die wenigen geschilderten Ersteigungen in solcher Art auszuwählen, dass in ihnen zugleich der Gruppe, in welcher sie sich abspielen, eine Bereicherung ihrer Orographie und der Kunde von ihren touristischen Verhältnissen zu Theil werde. In beiden Beziehungen wird meinen mehrjährigen Erfahrungen zufolge ein Gebirge nur bekannt durch den Besuch möglichst zahlreicher, womöglich aller bedeutenden Culminationspunkte. Ein einziger Gipfel eröffnet mehr Relief der Bergkämme, bringt deren Plastik in bestimmteren und nachhaltigeren Zügen zum Bewusstsein, als tagelange Thal- und Jochwanderungen.
Ebenso ist zu wahren orographischen Durchforschung, zur Uebung einer sichtenden Kritik über das widerspruchsvolle Material kartographischer und hypsometrischer Daten die enge Begrenzung solcher Thätigkeit auf ein bestimmes Gebiet und ihre nachhaltige Dauer unbedingt erforderlich. Unterhaltend mag es sein, in einer Ferienreise von einigen Wochen den Dachstein, den Watzmann und die Zugspitze, die Wildspitze im Oetzthal – den Ortler – einen Dolomiten Süd-Tirols zu besuchen und vielleicht mit dem Gross-Glockner zu schliessen, und wer in solcher Art die Alpen bereits, der mag in kurzer Zeit eine Summe klangvoller Namen aufzuweisen haben, mit welcher Andere schwer in Concurrenz zu treten vermöchten.
Ich habe Jahr für Jahr eine einzelne, natürgemäss umgrenzte Gruppe der Nördlichen Kalkalpen mir erlesen und durchwandert. Ich kenne wenig in den Alpen; aber was ich davon kenne, das ist mir bekannt im vollen Sinne des Wortes. Und wenn ich aus diesen wenigen und kleinen Gebieten dem Leser dieser Zeilen einige ausgewählte Gipfelbesteigungen vorführe, und mit meinen Erlebnissen einige Hinweise auf die Struktur und die Verkettung jener Gebirge, auf ihre Höhen und Benennungen, auf tourististisch beachtenswerthe Objekte oder auf Wege und Wanderungen, welche einem künftigen Besucher erspriesslich sein möchten, verbinde, so erhält er damit das summirte Resultat unzähliger eigener Wahrnehmungen und der auf dieselben gegründeten Schlüsse, nicht den mit unzuverlässigen, da und dort erhaschten Angaben geschwellten Inhalt eines Notizbuches. Ich darf mich der Hoffnung hingeben, dass auch derjenige, welcher lediglich nach orographischem und touristischem Materiale sucht, mein Buch nicht gänzlich unbefriedigt aus der Hand legen werde.

Dem Besteiger aber, welcher selten erreichte Ziele zu gewinnen, welcher Licht dorthin zu tragen strebt, wo tiefes Dunkel noch herrscht, ihm möchte dieses Buch ein Leitfaden sein der Kunst, mit starren Felsgestalten zurecht-, – mit den Nördlichen Kalkalpen in's Reine zu kommen. Er mag die Skizzen der erstiegenen Gipfel, er mag die Weglinien, die auf ihnen gezeichnet sind, an Ort und Stelle mit der Natur vergleichen und sich fragen: "Weisen mir diess nicht meine eigenen Augen?" – er mag bei Durchlesen der einzelnen Schilderungen an manches selbst Erlebte sich erinnern und sich fragen: "War dabei der Führer nöthig?" – Und dann erst, wenn die Alpenwanderer beginnen, mündig zu werden vor dem Volke der Berge, wenn sie anfangen, der eigenen Kraft mehr zu vertrauen, als der Hilfe eines Unbekannten, – wenn sie die Tage des Suchens nach dem Führer einmal zum Suchen nach dem Gipfel verwenden, wird eine schönere Zukunft unseren Nördlichen Kalkalpen erblühen.


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Letzte Aktualisierung am 29. August 2018

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