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Home XX. Im Hoch-Glück Ueberhängender Felszahn; scharfe Schneide Dämmerungs-Aussicht
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 IV. Aus dem Quellen-Gebiete der Isar [Karwendel] [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 XX. Im Hoch-Glück

Der Eiskarlspitz, Culminationspunkt der Vomper Kette

Endlich betrat ich den östlichen Eckpunkt des Gipfelgrates, einen schmalbegrenzten Geröllplatz, die Stelle des Anschlusses des Seitenkammes an die Hauptkette. Der Gipfel des Eiskarlspitzes*), dessen breite Kuppen-Gestalt nun wieder in ihre Rechte trat, liegt weiter westwärts, in ungefähr der Mitte ihres Scheitels. Ich säumte nicht, diesem letzten Theile meiner Aufgabe zu genügen und in wenigen Minuten war das Ziel erreicht. Die Gratstrecke war scharfschneidig, wie die ganze Umgebung dieses dünngezimmerten Felsengerüstes; eine 4-5 Schritte lange Stelle erheischte wieder die völlige Unbefangenheit des Auges, die feinstfühlende Sicherheit des eisengepanzerten Trittes. Kaum einer halben Fussbreite gab die Zackenkante Raum, hell klingend sprangen die gelösten Splitter an den Steilwänden hinab, die rechts von mir, im Norden, in die Firnkessel der Eiskarln, links in den Abschluss des Spritzkars ihre Strebepfeiler setzten. Es war ein wirklicher Balance-Gang durch den freien Aether – wie er in Wort und Bild so häufig dargestellt, beschrieben, in der natürlichen Wahrheit so selten an den Bergwanderer seine unerbittliche Anforderung stellt. Auch der Gipfel selbst bildet einen schmalen First des aufgewitterten Gemäuers. Steilwand gegen Nord, in die Firnkare und in's Blaubachthal hinunter; gen Süden jäher, überschütteter Plattenhang, in geringer Entfernung an die Wände grenzend; gegen Westen leicht sinkende Fortsetzung des Grates zum äussersten Eckpunkte der Kuppe, welche mit Steilabsturz von einem halben Tausend Fussen oder darüber auf die Kamm-Fortsetzung niederbricht.

*) Vermuthlich der "Hoch-Glück" des Katasters 8130' 2461 m. – Es ist, wie im Texte bereits bemerkt, der Eiskarlspitz der höchste Gipfel der Vomperthaler Kette. Im nördlichen Profile derselben (vgl. die Skizze) erscheint er vom Spritzkarspitze stark dominirt, infolge der weit gegen Norden vorgerückten Stellung des letzteren. Die südliche Ansicht des Gebirges (vgl. die bezügliche Skizze) lässt augenfällig den Vorrang des Eiskarlspitzes erkennen, welcher überdiess von mir durch zwei correspondirende Klinometer-Visuren ausser jeden Zweifel gestellt wurde.

Die Uhr zeigte auf nahe halb sieben; 1 1/2 St. hatte die Ersteigung aus dem Oedkarl, etwas weniger als die Hälfte dieser Zeit die Gratwanderung in Anspruch genommen. Ich liess mich auf dem schmalen Sitze nieder zu kurzer Rast; denn bevor das Dunkel der Nacht noch Gipfel und Kar in seine tiefen Schatten hüllte, musste ich zurück sein im Oedkarl; – auf dem Felsenthrone zu übernachten wie fast genau ein Jahr vorher auf dem Hochvogel, dazu erschienen die Lokal-Verhältnisse des Eiskarlspitzes als nicht geeignet; nicht einmal zum Niederlegen gewährte er soviel Raum, dass die Gefahr, während des Schlafes in's Abkollern zu gerathen, ausgeschlossen erschiene; von einem Schutze gegen den nächtlichen Sturm gar nicht erst zu reden.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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