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 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 III. Aus dem Nord-Innthaler Gebirge [Karwendel/Mieminger Gebirge] [geograph. Bezeichnungen noch nicht überprüft]
 XVII. Die Obere Platte im Mieminger Gebirge

Mondnacht auf dem Pass Fern [Fernpaß] [1873]

Am 6. August 1873 kehrte ich über die Pestkapelle aus dem Wetterstein-Gebirge zurück nach Lermoos; fünf Tage hatte ich im Rainthaler Hofe*) mich aufgehalten, und von dort aus die Aufnahme der Skizzen im Wetterstein-Gebirge bethäthigt, von welchen ein Theil den fünften Abschnitt dieses Buches illustrirt. Abends 7 Uhr langte ich in meinem bisherigen Standquartiere an und erwartete die durchgehende Malle-Post, um für künftige Bergfahrten nach Telfs überzusiedeln. Mit gewohnter Verspätung fuhr der Eilwagen gegen 10 Uhr vor. Die stereotypen Klagen der Insassen, namentlich der in Lermos verbleibenden Touristen, dass zur Poststunde aussser Wein und den kalten Ueberresten des Tages Nichts mehr zu erhalten, wurden laut (sie könnten aber eher das k. k. Ober-Postamt von Tirol und Vorarlberg zu einer Abänderung der Fahrzeit, als die Post-Wirthschaft in Lermos zu einer solchen ihrer Hausordnung bewegen); ich hatte mich schon frühzeitig vorgesehen und bestieg wohlgenährt das Coupé des nach kurzem Aufenthalte wieder dahinrollenden Wagens.

*) Dem Touristen, welcher Bergpartieen im Wetterstein-Gebirge zu machen gedenkt und Partenkirchen mit seiner widerlichen Hôtelwirtschaft (die unbegreiflicherweise vielgerühmte "Post" hier in erster Linie zu nennen) gerne vermeidet, kann der Rainthaler Hof als Standquartier nicht genug empfohlen werden. Materiell entbehrt er, sofern seine Ansprüche nicht über einfache Hausmannstkost gehen, dort nichts, da für einen länger verweilenden Gast die Bäuerin gerne Fleisch u. dgl. von Partenkirchen holen lässt.

Der Vollmond war über das Gebirge heraufgestiegen und goss seine silberne Helle geisterhaft über die weite Gebirgswelt. Der Riesenbau der Wetterwand, die regelmässige Pyramide des Sonnenspitzes glichen grell beleuchteten Inseln in einem Meere gedämpften, zitternden Schimmers. Der Weissensee mit seinen Felseneilanden, der Blindsee in seinem tiefen dunklen Rahmen, gaben aus ihren schwarzen Spiegeln das Licht der Mondesscheibe und der glänzenden Bergschrofen in ungeschwächter Kraft zurück; von Norden schaute der Daniel, das breite Haupt von den Gestirnen des Himmelswagens gekrönt, uns nach, auf der nächtlichen Alpenfahrt. Die Gartnerwand mit ihren krummholzbewachsenen Felsstufen zog an unserer Rechten vorüber, das wechselnde Spiel von Licht und scharfen Schatten in ihren Klüften ging zu Ende. Die breite Höhe von Pass Fern [Fernpaß] öffnete den Ausblick in den silberhellen Duft des Thals von Nassereit, die spitzen Hörner der Heiterwand stiegen über den Waldgründen von Fernstein empor. Im tiefen Schatten des Wanneck rollte unser Wagen die stundenlange Serpentine der neuen Strasse hinunter zur Sigmundsburg mit ihrem alten, halbverfallenen Thorbogen. Wieder blinken Wasserspiegel zu unsern Füssen, aus schwarzem Tannenwald, den funkelnder Wellenschlag umspült, ragt Burggemäuer in's mondhelle Firmament hinein. Vorüber, und wieder bergab – um 1/2 1 Uhr rasselt die Post unter Peitschenknall durch die engen Strassen von Nassereit.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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