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Home XXV. Der Waxenstein; aus dem Höllenthale an den Eibsee Die Mittelzone des Waxensteinkammes Entdeckung des wahren Waxenstein-Gipfels
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 V. Aus dem Wetterstein-Gebirge [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 XXV. Der Waxenstein; aus dem Höllenthale an den Eibsee

Eine trügerische Fährte und ein erfolgloses Wagniss

Wie zu erwarten stand, lag hinter diesem Kamme ein drittes Kar, aber tiefer eingeschnitten, minder zugänglich, als die früheren; wir näherten uns offenbar der Grenze der gangbaren Bergflanke und waren um so geneigter, einer Bahn zu folgen, die nach der Grathöhe in lockendster Weise sich uns vorzeichnete.

Ein breiter, ebenflächiger Graslehner zog dort sich unter mässigem Neigungswinkel empor; an dem Punkte, wo er den Grat berührt, war selbst eine Signalstange auf einer kleinen Erhöhung des Kammscheitels zu erblicken. Ein trotziger Felsgipfel stand hart nebenan auf dem Scheitel des Gebirges, seine doppelklotzige Gestalt legte die Vermuthung nahe, dass kein anderer, als der Grosse Waxenstein selbst es sei, der uns dort entgegen winkt; er mochte wohl seine gangbare Seite uns verbergen, vielleicht wohl gar jenseits des Grates haben. Hinauf, nach dem nahen Ziele! – Eine halbe Stunde später war die Grathöhe gewonnen, der Gipfel, der wir uns nahten, machte ein immer bedenklicheres Gesicht zu unserem Treiben. Der Senne, um etliche Schritte mir voraus, betrat zuerst die Schneide, prallte augenblicks zurück und hielt die Hand vor die Augen. Ich folgte ihm rasch nach, blickte zwar unverwandt hinunter, fand aber die Verhältnisse gleichfalls höchst unerfreulich: wir standen vor senkrechten Wänden, zu unsern Füssen lag der Eibsee.

Also doch von Süden her auf den wilden Felszacken! Fürwahr, ein wüstes Gemäuer! Ich schnallte die Eisen an, liess meinen Rucksack und meinen klügeren Begleiter zurück, von welchem schon nach wenig Schritten eine jähe Felskluft mich trennte, und begann zu klettern. Ein paar Minuten lang ging es, dann hing ich, den Kopf im Genick, einer Mauerschwalbe gleich am Gestein, das durchaus keinen weitere Haltpunkt mehr bot. Obwohl ich kaum 25' [8 m] hoch gestiegen war, bedurfte ich fast einer Viertelstunde, um den sicheren Graslehner wieder zu gewinnen, den finstern Schacht vor Augen, in welchem die losbröckelnden Felstrümmer mit prasselnden Schlägen verschwanden. Die Möglichkeit, ihnen baldigst nachzufolgen, lag nicht so gar fern.


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Letzte Aktualisierung am 29. August 2018

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