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Home VII. Das Haagen-Gebirge Das Blühnbachthal und sein Gebirgshintergrund Der Jägerposten auf dem Haagengebirge
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 I. Aus den Berchtesgadener Alpen
 VII. Das Haagen-Gebirge

Das Jagdschloss Blühnbach. Passwege aus dem Blühnbachthal

Nur 20 Minuten später, als dieses Aussichtsbild sich eröffnet, langt der Wanderer am Jagdschlosse  Karte:
http://www.austrianmap.at/tp.asp?s=4%7C-17273%7C260184%7C0 Blühnbach (2483' 806 m. Keil) an; ein gewaltig grosses Gebäude, wie man in der Einsamkeit der Berge wohl schwerlich ein solches erwartet. Eigenthum des österreichischen Staatsärars, steht es schon seit vielen Jahren in Pacht einer großen Jagdgesellschaft meist österreichischer Fürsten und Cavaliere; auf den Ewigen Schnee [Übergossene Alm], über die Wildalm und das Steinerne Meer und über das Haagengebirge bis an die bayerische Grenze, an die Blüntau [Bluntau] und die Salzach erstrecken sich deren wildreiche Reviere, von einem zahlreichen Jagdpersonale beaufsichtigt; sechs Jäger hausen allein in Blühnbach, ihre kleinen Wohngebäude umlagern das Schloss. Ueber die steinerne Treppe des nördlichen Schlossthores eintretend, sieht der Besucher sich in einer endlos weiten Halle, viel Hunderte von Hirsch- und Gemsgeweihen, alten und neuen Datums, zieren die Wände. In den Ecken lehnen himmellange Bergstöcke, gegen welcher der meine, von immerhin nicht zu verachtender Grösse, ebenso zwerghaft erschien, wie die in Nordtirol und auch im Algäu üblichen armseligen Stumpen gegen ihn. –

Von der Frau Oberjägerin, die hier eine vortreffliche Wirthschaft führt, geleitet, besichtigte ich die verschiedenen Cabinete der Jagdherren, zuletzt auch den prächtig eingerichteten Speisesaal in der nordwestlichen Ecke des Schlosses, Alles im reinsten Waidmannsstyle und doch luxuriös und comfortable zugleich.

Der Tourist findet im Blühnbachschlosse stets gastliche Aufnahme und vortreffliche Unterkunft. Die Lage dieses alpinen point de repaire gibt ihm Gelegenheit zu den verschiedenartigsten und bedeutendsten Hochtouren; nach der Urschlau [Urslau] wie nach dem Steinernen Meere, nach der Röth und dem Königssee, wie nach dem Blüntau- und Salzachthale können dieselben zielen – der Ewige Schnee [Übergossene Alm] – die Teufelshörner – die Gipfel des Haagengebirges sind von hier aus zugänglich. Die Plateauhöhe des letzteren ist in zwei Stunden vom Schlosse aus bereits erreicht, auf die Pässe im westlichen Hintergrunde des Thales jedoch werden 4-5, auf die Urschlauer Scharte [Torscharte] sogar 6 Stunden gerechnet. 1 1/2-2 Stunden davon entfallen jeweils auf den Thalmarsch, welcher bis zum wirklichen Abschlusse des Thales – wo unter den Wänden des Sailerkopfs [Hochseiler] am Ewigen Schnee der öde Dennboden [Tennboden] sich weitet – noch länger sich dehnt, als man dem ersten Anblicke nach vermuthen möchte. –

Nachdem ich die Abendhelle noch zur Skizzirung des Thalhintergrundes verwendet, erfreute ich mich an einer Schüssel blaugesottener Forellen aus dem frischen Blühnbache und begab mich bei Zeiten zur Ruhe; vorher hatte die Frau Oberjägerin mir noch mitgetheilt, dass ich meinen morgigen Aufstieg zum Haagengebirge in Begleitung eines Jägers antreten könne, der gleichzeitig nach seinem Posten auf dem Gebirge abgehe; es war mir dies ganz erwünscht, bei meinem voraussichtlich nur kurzen Aufenthalte auf dem grossen Hochplateau konnten die Ortsangaben eines der Gegend Kundigen mir von grossem Nutzen sein. – Was es mit dieser Begleitung eigentlich für eine Bewandtnis hatte, das sollte ich freilich erst später in Erfahrung bringen.

In der Nacht erhob sich ein Sturm – nicht allein drüben in der Schenkstube, wo der verflossene Sonntag einige Wirkung äusserte – sondern, was mich näher berührte, auch draussen in der Natur. Wolken flogen über die Teufelshörner herein, und als der Morgen dämmerte, da war der Himmel grau und schwer hingen die Nebel in den Bergen. In der Thalschlucht des Blühnbaches erschienen hier und dort graue Dunstbänke, wie hingezaubert an den Wald und ebenso plötzlich wieder verschwunden; ein fast untrügliches Anzeichen baldigen Regens. Kupferroth schimmerten die Wolkenränder im Osten, und über das Tennengebirge herüber warf die Morgensonne blassgelbe, von häufigen Schatten unterbrochene Strahlen.

Der Abmarsch wurde unter solchen Verhältnissen natürlich nicht beschleunigt, ich dachte sogar daran, unmittelbar nach Werfen zurückzukehren – verdriesslich genug, zumal der gestrige Abend auch nicht die Spur eines Verdachtes bezüglich der Witterung hatte erwecken können. Bei allzu weit vorgerückter Jahreszeit war es jedoch voraussichtlich die letzte Gelegenheit, das Haagengebirge zu besuchen und mehr auf den Herbst und seine Wetterbeständigkeit als auf die günstigen Prophezeiungen der Einheimischen Blühnbachs mein Vertrauen setzend, beschloss ich, den Anstieg dennoch zu wagen – auf die Gefahr hin, nach wenig Stunden durchnässt und unverrichteter Dinge wieder in's Thal zurückzukehren.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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