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Home VII. Das Haagen-Gebirge Der Jägerposten auf dem Haagengebirge Enttäuschung bezüglich des Gebirgscharakters
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 I. Aus den Berchtesgadener Alpen
 VII. Das Haagen-Gebirge

Mit einem Blühnbacher Jäger durch das Hundskar auf die Gebirgshöhe

Um 6 Uhr 30 Minuten Morgens des 29. September [1873] verliessen wir beide das Schloss Blühnbach, gen Norden ansteigend. Am nahen Wildfutterstadel vorbei leitet uns ein gewundener Jagdweg durch den Wald aufwärts. Nach einer Viertelstunde traten wir auf eine Lichtung aus und befanden uns im untersten Boden des Hundskars. Steil hebt sich sein Hintergrund in felsdurchbrochenen Krummholzgehängen; darüber breiten Schutthalden sich hin, und noch höher schneidet ihr Rand geradlinig ab. Dort liegt das Hochplateau. Ein thurmartiger Zacken fusst oben auf dem Gehänge; der Jäger bezeichnete ihn mir als den Kirchstein; nebenan steckte Alles im Nebel, doch riss hier und dort der Schleier und stückweise wurden die Gegenstände der Höhe uns sichtbar. Links vom Kirchenstein zeigte sich eine grüne Thalung, von felsigen Köpfen umrandet: das Tannthal und die Tannthalköpfe. Rechts brach zuweilen eine starre, breitscheitelige Klippe durch die Wolken, – der Klammkopf, der südlichste Vorposten des Hochg'schierstockes.

In unserem Rücken entfaltete sich das mächtige Gebirge des Ewigen Schnees [Übergossene Alm], und entstand nach dieser Richtung hin eine Wolkenlücke, so füllte sie blendendes Weiss. Die Zinnen der Manndelwand [Manndlwand] kämpften sich dort zuweilen aus dem Nebeldampf, Alpeck [Eibleck] und Denneck [Tenneck], die Vorläufer des gletschertragenden Hochplateaus spreizen sich in's Blühnbachthal herein, zwischen beiden die tiefe Thalung des Wasserkars. Etwas zurückgeschoben erhebt sich wandsteil der westlichste Pfeiler des Ewigen Schnees, der Sailerkopf [Hochseiler], rechts von ihm die Urschlauer Scharte [Torscharte], Marterl, Reisshorn, Langeck, die Hundsschädel. Über diese schneeigen Kare kam ich vor fünf Jahren mit dem Schafhirten vom Funtensee gezogen, der in den Wänden der Uebergossenen Alp so schön mich in die Irre führte*). Mein heutiger Führer bestätigte mir die Möglichkeit eines direkten Überganges von der Urschlauer Scharte [Torscharte] auf den Ewigen Schnee, erklärte denselben auch für gar nicht sonderlich schwierig, sofern man die gangbare Linie genau kenne. Als das Gewölk sich mehr und mehr lichtete und hob, zeigte er mir auch genau die Stelle, an welcher das Haupthinderniss, die nordöstliche Eckkante des Sailerkopfes [Hochseiler], überschritten wird; sie liegt im Verhältnisse zur anfänglichen Querlinie ziemlich hoch. Mein Schafhirt war im Gegentheile, als die Schwierigkeiten sich mehrten, immer tiefer gegangen; so musste er natürlich zuletzt stecken bleiben

*) Vgl. das 4. Kapitel.

Mit Beginn des Niederholzes trat unser Weg erst deutlich in breiterer Anlage hervor. Die Steile des Thalbodens vermeidend – (es führt ein schlechter Pfad auch mitten durchs Hundskar an dessen Ostseite hinauf) – zieht er eine weite Serpentine nach der rechten Seite hinüber und schlängelt sich einen kahl abgetriebenen Berghang hinauf. In ziemlich beträchtlicher Höhe bereits tritt er in Hochwald ein, beschreibt hier lange, übermässig flache und daher zeitraubende Windungen und nähert sich stellenweise einer tiefen Felsschlucht zur Rechten, in welcher des Klammkopfs unterste Strebepfeiler fussen. Die Höhe links zeigt bereits ziemlich nahe die Geröllfelder am Fuße des Hochg'schiers [Hochgschirr].

Eine starke Stunde nach Beginn unseres Anstiegs hatten wir das Ende des Reitweges erreicht. Ein guter Fusspfad trat an dessen Stelle, die Steigung wurde stärker und wir kamen rascher in höhere Regionen. Bald fand sich nur mehr Krummholz in unserer Umgebung. Der Steig bog links ein, dem Hundskar sich wieder nähernd, und hart an den Mauern hin, welche seine Nordostseite umsäumen, stellenweise künstlich angelegt, leitete er den Schuttfeldern der hochgelegenen Mulde entgegen. Steile, felsige Gräben durchfurchen das Gehänge und sammeln sich in der Mittelschlucht des Hundskars. Nachdem noch eine längere, steinige Grasböschung erstiegen worden, wandten wir uns völlig links in die Quere, kreuzten einige plattige Trockenrunsen, 8 Uhr 30 Minuten rasteten wir unter einem grossen Steinblock, nahe am Höhenrande des Gebirges. Die Witterungsaussichten gestalteten sich immer günstiger, die drohenden Wolken lösten lichter und lichter sich auf, nicht selten liessen sie bereits ein Stück blauen Himmels hindurchblicken. Die Kuppen des Hochg'schier traten allmählig frei aus dem Nebel hervor, und auf ihren Felskanten zeigte sich bald die zierlichen Gestalten der Gemsen. Nicht ferne von unserem Ruhepunkte sehen wir ein zottiges Murmeltier behaglich vor dem Baue sitzen – es freute sich der langen Dauer der warmen Jahreszeit, und gedachte sicherlich mit philosophischer Verachtung seiner Genossen, die, altväterischer Gewohnheit gedankenlos nachkommend, bereits in den Winterschlaf sich eingelullt hatten.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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