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 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 IV. Aus dem Quellen-Gebiete der Isar [Karwendel] [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 XXIII. Schneesturm auf der Kaltwasserspitze

Ausblicke; Träume im Orkan

Nachdem der geschäftliche Theil der Bergersteigung seine Erledigung gefunden, schlug ich mein Quartier im kellerförmigen Ausbruche östlich unter dem Gipfel auf, gedeckt gegen den Sturm, der über meinem Haupte dahinbraust, die Wolkenschaaren in's Moserkar hinüberpeitscht, – aus ihren durchrissenen Schleiern die Nachbargipfel auf Augenblicke hervortreten lässt; schwarze Felsenschollen, im Nebelmeere treibend. Von Zeit zu Zeit dann ein kurzer Besuch der Gipfelzinne, auf engem Gratzacken niederkauernd den Blick gerichtet in die ungewisse Weite, in die verborgene Tiefe; dort stürzt's hinunter, unergründlich dunkel, in die Schneegrüfte des Kaltwasserkars, auf die Thalweide von Ladiz. Die zerspaltene Zweigrippe, welche der Birkkarspitz zur Hochalpe hinunter entsendet, lässt in hellen Momenten die Firndecke des Schlauchenkars [Schlauchkars] hindurchblicken.

Höher gehen die Wogen im Wolkenoceane, breitere Intervalle lassen ihre brandenden Massen, zahlreicher und nachhaltiger werden die Risse Risse in der einförmig düsteren Hülle. Die abgehackten Gipfel der Gleirschthaler Kette, – die gedehnten Schuttflächen des Oedkars, nun in weissem Schneegewande, die geneigten Pyramiden der Karwendelkette, – die Falken der Riss tauchen nach einander aus dem dunstigen Chaos, und wie von unsichtbarer Hand getheilt zeigt sein offener, eng begrenzter Rahmen urplötzlich einen Ausschnitt des Rissthales, Vorbirge, Flachland – ein Stückchen grüne, sonnige Welt. Nur immer zurück in Sturm und Nebelgrau! Zurück die Scheidewand, die jenes Treiben und Werben und Leben da draussen unüberschreitbar trennt vom Heiligthume der Natur, wo unverkümmert das Naturrecht, das Recht des Stärkeren, noch in Kraft besteht. Baue der Felsthurm in den Himmel sich hinein, – kleide er sich in starrenden Schrofenharnisch oder in blanke Plattenrüstung, – es gibt einen Tritt von Eisen, der ihn zu zwingen weiss, auf seinem unterjochten Haupte fusst! – Hülle er sich in Nebel und Nacht – ein Auge blickt das auch in wettergrauer Finsterniss ihn zu erspähen, an seiner schwachen Seite ihn zu fassen versteht, auf seinem Scheitel an geisterhaften Aussichtsbildern sich ergötzt! – Rase der Sturm mit zehnfacher Gewalt, ich schleudere ihm frevelmuthig meine gellenden Jauchzer entgegen! – Im Kampf mit dem entfesselten Element bin ich der Stärkere – und ich allein. – –


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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